Djatlow Pass – S/1986 U 8
VÖ: 12.01.2018 via Cultblech Music Production

Ein Stück Kosmos für die Erde

Unter dem Radar erschien am Anfang dieses Jahres ein sehr außergewöhnliches Album. Man könnte es eine Verschwörungstheorie nennen, weil hier einige doch sehr fragwürdige Tatsachen aus der Geschichte der damaligen UDSSR behandelt werden.

Der einfache Rockfan könnte behaupten, es wäre einfach nur Elektroalbum mit ein wenig Gitarrensound drin. Ich sage jedoch. es ist weder das Eine noch das Andere. Wer vollkommen vorurteilsfrei an die Sache heran geht und sich auch ein wenig auf die Musik, aber auch ganz besonders auf die Texte einlässt, der wird sich schnell von der Musik in den Bann ziehen lassen. So erging es nämlich auch mir, nachdem ich die ersten Male in die CD hinein gehört habe.

Der Name der Band Djatlow Pass und auch der Albumtitel S/1986 U 8 mögen zwar im ersten Moment sehr verwirrend klingen, doch nach ein wenig Recherche ergab alles einen Zusammenhang, den ich euch im Laufe meines doch sehr persönlichen Reviews nahe bringen werde.

Besatzung:
Kommandantin: Lillith Wolkow – Gesang
Pilot: Andrej Dobrowolski – Bass
Bordingenieur: Joe Pazajew – Gitarre
Wissenschaftskosmonaut: Maksim Komarow – Schlagzeug


Tracklist:

  1. Sojus II
  2. Ophelia
  3. Djatlow
  4. Reise
  5. Die Landung
  6. Zusammen

Schon nach den ersten 20 Sekunden im ersten Song merkt man, dass hier ein sehr eigenartiger Sound auf uns zu kommt. Glücklicherweise muss ich mir dafür keine ellenlange Musikbeschreibung im Sinne von „Rock mit Einflüssen aus diesem, jenen usw.“ ausdenken sondern darf einfach dieser Stelle schreiben, dass die Band selbst ihre Musik als Kosmosrock bezeichnen. Es steckt im Namen also schon drin, dass es in jedem Fall Rock ist, auch wenn es im ersten Hinblick nicht wirklich ins Auge, bzw. in diesem Falle ins Ohr fällt.

Im ersten Song „Sojus II“ überwiegen zum großen Teil die Elektroelemente. In diesem wird dann auch erklärt, wer diese Band eigentlich ist. Es sind vier Kosmonauten die auf einer Mission sind, die eigentlich als Himmelfahrtskommando bezeichnet werden kann, denn eine Wiederkehr war nie geplant. Doch wie durch ein Wunder sind sie nach ihrer Odyssee durch den Weltraum wieder zurück auf der Erde gelandet und wollen uns nun mit ihrer Musik berichten, was sie auf ihrer Reise alles erlebt haben. Besonders an diesem Lied ist für mich vor allem der Schluss. Eingeläutet durch den Schrei „Sojus in Ewigkeit!“ folgt, mit einem sehr gelungenen E Gitarrensolo, doch der Beweis, dass es sich hier um eine Form des Rock handelt.

Im zweiten Song „Ophelia“ geben sie uns Aufschluss, worum es bei ihrer Mission, die laut meiner Recherchen am 01.02.1959 begann, geht. Sie begaben sich auf die Reise um Ophelia, einen Mond des Uranus, zu erkunden. Doch während der Mission stellte sich heraus, dass dies nicht das einzige war, was sie zu diesem hinführte. Der Name war für diesen Himmelkörper nicht umsonst gewählt. Ophelia ist eine weibliche Figur aus William Shakespeares „Hamlet“, die vom Prinzen Hamlet lange Zeit umworben wurde, dann aber von der vermeintlich Wahnsinnigen schroff zurückgewiesen wurde. Aus Gram über den Tod ihres Vaters, der von Hamlet getötet wurde, wurde sie wahnsinnig und ertränkte sich. Angezogen von diesem Bann, wurde es auch noch zu einer Rettungsmission, um sie doch noch vor dem Tod zu bewahren. Doch wie auch schon in dem dafür gedrehten <MUSIKVIDEO> gezeigt wird, kommen sie leider zu spät und können sie nicht mehr vor dem Tode retten. Musikalisch geht dieser Song etwas mehr in des Rocks. Es überwiegen zwar immer noch die Elektroelemente, jedoch hört man auch eindeutiger die Riffs der E- Gitarre als im Vorgänger, was dem ganzen doch eine andere Note verleiht. Erwähnt werden muss an dieser Stelle noch, dass mit diesem Song auch der Albumtitel erklärt wird. Denn S/1968 U 8 war der vorläufige Name, den der Mond nach seiner Entdeckung am 20.01.1968 erhielt.

Song Nummer drei „Djatlow“ handelt um einen Vorfall, der sich in der Nacht vom ersten auf den zweiten Februar 1959 im nördlichen Ural abspielte. Eine Gruppe von neun Skiwanderern wollte sich auf eine Expedition zum Berg Otorten begeben, zu einer Jahreszeit in der die Route dahin als äußerst schwer zu meistern gilt. Was genau in der Nacht geschah kann bis heute niemand genau erzählen, doch später fand man heraus, dass alle neun Wanderer unter sehr mysteriösen Umständen zu Tode kamen. Es ragen sich viele Mythen, Verschwörungen und Vermutungen um diese Nacht. Mit diesem Vorfall erhielt die anscheinend damals noch unbenannte Gegend ihren Namen: denn der Gebirgspass, an dem das Unglück geschah, wurde  nach dem Gruppenanführer Igor Djatlow (Djatlow-Pass) benannt.  Und so erklärt sich auch, wie die Band auf ihren Namen kam. In ihrem Lied darüber stellen sie noch einmal einige der sehr merkwürdigen Fakten zur Schau und geben uns ihre eigen Version der Geschichte preis. Was hier v.a. auch sehr zu Geltung kommt ist die Stimme von Lilith Wolkow. Was sich in den beiden Vorgängern schon andeutete, findet hier seine Bestätigung: dadurch, dass ihr in diesem Song etwas mehr Raum gelassen wurde, erkennt man, welches Potential in ihr steckt und so wird dann dieser Titel zu einem Highlights des Albums.

Mit dem vierten Song macht die Erzählung ihrer Geschichte eine kurze Pause. „Reise“ ist eine Nummer, welche über den Verlust eines geliebten Menschen erzählt. Er mag zwar für den Augenblick verloren zu sein, doch für die Seele des Verstorbenen ist es nur ein Augenblick, bis man die geliebten Menschen im Ewigreich wieder trifft.

Der vorletzte Track handelt über den Moment, auf den die Besatzung nach ihrer langen Reise so sehnsüchtig gewartet hat. Der Ort der Bestimmung ist erreicht und es kommt der Punkt an dem „Die Landung“ bevorsteht. Die musikalische Besonderheit in diesem Song ist, dass dieser neben „Sojus II“ der einzige Song ist, in dem man wieder ein Solo der E-Gitarre zu hören bekommt. Ein wenig mehr davon hätte ich mir schon auf der CD gewünscht, doch ich will mich an dieser Stelle nicht darüber beschweren und genieße es lieber das Solo zu hören und mich am restlichen Sound zu erfreuen.

Zum Schluss wird es noch mal ein klein wenig ruhiger. Der letzte Titel „Zusammen“ handelt von einem kurzen aber sehr wertvollen Augenblick. Der, an dem man zwischen dem ganzen Wahnsinn, den man erlebt und all dem, was gerade geschieht, mit einem geliebten Menschen kurz zusammen sein kann. Genau dann lösen sich alle Sorgen für einen kurzen Moment in Nichts auf. Hier gibt es noch etwas, dass diesen Song von den anderen unterscheidet: im Refrain teilt Lillith ihre Stimme mit dem eines ihrer Besatzungsmitglieder, was die ganzen Eindrücke und Empfindungen nochmal unterstreicht.


Fazit:
Mit S/1986 U 8 wird definitiv etwas vom Sound und Inhalt her sehr einzigartiges und vielleicht auch einmaliges präsentiert. Diese vielen verschiedenen Elemente, vom Elekrosound über die Riffs und Solos bis hin zur sehr starken Stimme von Lillith, ergeben ein Bild, dass wohl sehr viele beim ersten hineinlauschen etwas verstören dürfte. Doch wer seine Scheuklappen und die Bedenken bei Seite legen kann und sich auf das Gesamte einlässt, der wird diese sechs Songs definitiv zu schätzen lernen und hoffen, dass irgendwann mehr kommt.

„Look at our signs,
we are the Cosmonauts in white,
out of space and oxygen,
wir lassen euch nie wieder gehen.
NEIN!“

AGF- RADIO
Dor Alex